Auf dem Weg zu einer Weltfirma

Herr Weich war Grafik Designer bei Henschel und nach seiner Pensionierung leitet er nun das Henschelmuseum. Es ist ihm ein Anliegen, die Geschichte der Henschels zu erzählen, über Waffen spricht er nicht so gerne.

Helmut Weich im Gespräch mit Natascha Sadr Haghighian, Kassel 2012 Henschel 1777-1945

Georg Christian Carl Henschel kam 1777 nach Kassel. Er stellte damals Kanonenmörser, Kanonenkugeln, Glocken und ab 1780 die ersten Feuerwehrspritzen her, des Weiteren Rohre für Wasserleitungen. Nachdem er 1810 von Napoleon’s Bruder Jérôme aus dem kurfürstlichen Giesshaus vertrieben wurde, machte er sich mit der Henschelei selbständig. Die Henschelei hatte das erste Kaltblechwalzwerk Deutschlands.
Sein Sohn Carl Anton gründete mit dem Giesshaus in der Mönchebergstrasse und seinen Erfindungen im Kesselbau und der ersten Dampflokomotive für Nordhessen die Fabrik "Henschel & Sohn". Dann kam die große Zeit der Dampflokomotiven und Dampfmaschinen. Carl Antons Sohn Georg Alexander Carl expandierte den Lokomotivbau und exportierte als erster. In der Zeit seines Nachfolgers Carl Anton Oskar und dessen Frau Sophie Henschel wurde Henschel im Lokomotivbau führend in Europa.

Natascha Sadr Haghighian: Wo befanden sich damals die Fertigungsstätten?
Helmut Weich: Vornehmlich im Werk Kassel, ab 1860 zusätzlich im Werk Rothenditmold, um die Fertigung von tausenden von Lokomotiven zu bewerkstelligen.
Haben die Henschels damals schon am Weinberg gewohnt?
Der Weinberg wurde in dieser Zeit Parzelle für Parzelle von Oskar und Sophie Henschel aufgekauft.
Warum war die Nachfrage für Lokomotiven so groß?

Durch die Industriealisierung. Die grossen Lokomotivbauer waren Krauss-Maffei, Krupp, Borsig, aber Henschel bekam die größeren Auftragsanteile z.B. für die Loks der Deutschen Reichsbahn. In dieser Zeit war Henschel rüstungsfrei. Im Lokomotivbau war man Nr.1, aber es wurden keine Kanonen und ähnliches mehr gebaut.

Karl Anton Theodor Henschel, der Nachfolger, förderte weiterhin den Lokomotivbau, aber bedingt durch den Ersten Weltkrieg begann man nun wieder mit dem Bau von Geschützen, Lafetten und der Herstellung der Munition für die "Dicke Berta" [Granaten].

Der Sohn Oscar Robert übernahm die drei Henschelwerke und die Henrichs-Hütte in Hattingen, ein riesiges Stahl-Werk, das Karl Anton Theodor und Sophie erworben hatten, um vollständig von Thyssen oder Krupp unabhängig zu sein. Neben dem Lokomotivbau führte Oscar den LKW- und Busbau als zweites Standbein ein. 1935 begann dann die unheilige Zeit mit dem Hakenkreuz und den Nazis und dem Henschel-Flugzeugwerk in Berlin Schönefeld. Im Baunatal wurden 1937 die Henschel-Flugmotoren-Werke gegründet.

Was wurde während des 2. Weltkriegs hergestellt?
Die Lokprodukion wurde auch im Zweiten Weltkrieg fortgesetzt. Es gab zur Truppenversorgung zusätzlich die sehr robuste Einheits-Kriegslokomotive Baureihe 52, die von mehreren Lokomotivbauern hergestellt wurde. Die Rüstungsproduktion wurde mit Kettenfahrzeugen, hauptsächlich mit dem Tiger-Panzer und dem Königstiger (Tiger2) und in Zusammenarbeit mit Wegmann hochgeschraubt.
Es gab einen Tunnel zwischen den Werken Mittelfeld und Rothenditmold und eine Bunkeranlage, in der im Notfall die Produktion fortgesetzt werden konnte. Es wurden auch Produktionszweige und auch Attrappen ins Umland von Kassel verlagert, um den Feind zu täuschen. Mit Henschels Allrad-Technologie wurden LKWs für das Militär umgerüstet. Es wurden auch Dieselmotoren und Schiffsdiesel gebaut. Aber die Hauptaufgabe war jetzt, diesen Panzer zu fertigen.
Welche weiteren Rüstungsfirmen gab es damals in Kassel?
Es gab damals in Kassel noch die Fieseler-Werke, auch ein Rüstungsbetrieb, dann Junkers, ebenfalls Flugzeugbau und jede Menge Unterfirmen, die Zubehörteile für die Rüstung bauten und natürlich Wegmann.
Und Henschels Haupt-Fertigungsstätten Mittelfeld, Kassel und Rothenditmold waren über verschiedene Stadtteile verteilt?
Ja, das ist richtig.
Fremdarbeiter 1933-1945
Wieviele Leute haben in den Henschelwerken gearbeitet? Wie war der Anteil von Kasselanern und Fremdarbeitern?
Vor der NS-Zeit hatte Henschel etwa 10 000 Mitarbeiter und war durch den Export von Lokomotiven auf dem Weg zu einer Weltfirma. Henschel exportierte schon vor dem ersten Weltkrieg überall hin (u.a. Südamerika, China, Rußland, Ägypten) ausser nach Nordamerika. Diese bestehenden Partnerschaften wirkten sich auch positiv auf den LKW-Vertrieb aus.
Aber durch den Rüstungszwang konnte die geforderte Leistung von der Belegschaft allein nicht mehr gebracht werden. Es wurden Zwangsarbeiter, Fremdarbeiter und schon die ersten Gastarbeiter aus befreundeten Partnerländern wie Italien eingeführt, die nicht ganz so schlecht behandelt wurden wie Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter.
Insgesamt waren es in den Kriegsjahren 30 000 Beschäftigte, 10 000 davon Stammbelegschaft.
Wo haben die alle gewohnt?
Die zusätzlichen Beschäftigten waren in Barackenanlagen unter anderem in Mittelfeld und am Schäferberg untergebracht und hatten teilweise lange Fußmärsche zur Fabrik zurückzulegen. Hinter dem Schäferberg sieht man noch Teile der Barackenanlage. Auf dem Grundriss leben auch heute noch Leute. Die anderen Barackenanlagen sind geräumt und vernichtet worden und längstens nicht mehr da.
Bombardierungen 1943-1945
Kassel hat scheinbar die meisten und intensivsten Bombenabwürfe während des Krieges erlebt, Punkt- und Flächenbombardierungen. Hat das nur die Produktionsstätten betroffen?
Die ersten Bombenangriffe waren 1943 und bis 1945 ging das Schlag auf Schlag, aber zum Ende des Krieges hat es Kassel und eben auch Henschel noch einmal richtig erwischt.
Aber die Bombardierungen in Kassel hatten schon ganz konkret mit den Produktionsstätten zu tun?
Das ist absolut sicher. Das waren die Ziele. Das ist erkennbar in den Luftaufnahmen und in den später bekannt gegebenen Karten und Plänen. Es wurde Treffer für Treffer aufgelistet, wieviel Tonnagen an Streubomben, Sprengbomben und was alles an Bomben gab. Das galt dem Werk und später auch der Stadt. Kassel war zu 80% und Henschel zu 75% zerstört.
Und wie lange lebte die Familie Henschel dann noch am Weinberg?
Die Familie Henschel ist wegen der Kriegslage wohl schon vor 1941 von Kassel in das hochherrschaftliche Gut Falkenberg bei Wabern gezogen.
Produkte des Haushalts 1945
 
Nach dem verlorenen Krieg 1945 war die Not sehr gross. Henschel hat aus den herumliegenden Aluminiumteilen die Unterkonstruktion für Bollerwagen fertigen lassen. Dieser vor uns stehende Wagen ist aus dem Jahr 1945 und hat die Fabriknummer 4.
Während andere Produkte für den Haushalt wie Deckel aus Aluminiumguss, Kuchenformen oder Rapsölpressen vom Henschelaner selbst hergestellt wurden. Das wurde aber geduldet. Tagsüber wurde Raps geklaut –das war natürlich verboten– und meistens hat man dann Nachts die Presse betrieben.
Die Menschen hatten ja nichts zu essen.
Ja. Das ging wahrscheinlich bis zur Währungsreform 1948. Da waren die Läden urplötzlich wieder voll.
Pleiten und Neuanfänge 1945-1964
Wie ging es nach dem Krieg weiter? Die Werke wurden zu 75% zerstört. Wann wurde die Produktion wieder aufgenommen? Was wurde dann produziert?

Der Krieg endete Mai 1945. Einen Monat später wurden mit 100 Leuten die Aufräumarbeiten begonnen. Bis zur Wiederbesetzung von Henschel 1949 mit Oscar (Robert) Henschel, der seit Kriegsende interniert war, stand der Betrieb unter amerikanischer Verwaltung. Die amerikanische Besatzermacht ließ zu, daß vom Bombenhagel zerstörte Lokomotiven repariert wurden und sie liessen ihre eigenen LKW's mit Henschel-Dieselmotoren umrüsten. Henschel Dieselmotoren verbrauchten wesentlich weniger Sprit, waren qualitativ hochwertiger und die Ersatzteil-Frage war geklärt. Das war ein enormer Schub für Henschel. Dann kamen Produkte, die der Aufbau brauchte: Dampfstrassenwalzen für den Strassenbau, Teermaschinen und der LKW-Bau und die Schwermaschinenproduktion wurden wieder hochgefahren.

1957 ging Henschel das erste Mal pleite. Er verkaufte dann das Baunataler Werk an VW, was heute das grosse Getriebewerk ist, den Weinberg hat er an die Stadt zurückverkaufen können und viele der Henschel-Immobilien wurden veräussert. Henschel zog sich als Privatier in die Schweiz zurück. Die Führung der Henschel-Werke wurde übernommen von dem Manager Fritz-Aurel Goergen. Er schaffte es zwischen 1959-64 die Henschel AG wieder zu einer Weltfirma zu machen. Mit 14 500 Mitarbeitern war Henschel wieder, wie vor dem Krieg, der größte Arbeitgeber von Kassel und Nordhessen. Goergen wurden Steuerhinterziehung und schmutzige Geschäfte im wehrtechnischen Bereich nachgesagt und er ging in die Schweiz. Der Prozess dauerte 10 Jahre, doch konnte man ihm nichts nachweisen.

Tiernamen
 
Der «Tiger» war raus aus dem Geschäft und man hat dann leichtere Fahrzeuge produziert. Unter Thyssen Henschel haben wir vornehmlich den Schützenpanzer Marder in einer sehr hohen Stückzahl gebaut, dann das Radfahrzeug 8x8 Lux, gefolgt vom 6x6 Fuchs. Schon in der Reichswehrmacht war es Sitte den Fahrzeugen Tiernamen zu geben.
Wie kommt das?
Wie das kommt, weiss ich nicht. Aber es hat sich bei der Bundeswehr wieder so ergeben. Jedes Fahrzeug trägt einen Tiernamen wie Wiesel oder Puma. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie der «Roland», ein Abwehrwaffensystem.
Militär- und Zivilfahrzeuge
Was ist noch ein Zivilfahrzeug und was ist ein Militärfahrzeug?
Wenn ein Automobil gepanzert wird und eine Waffe trägt, dann ist es dem Militär zuzuordnen. Jedoch nicht jede gepanzerte S Limousine ist gleich ein wehrtechnisches Gerät. Eventuell ist das Fahrzeug nur gepanzert, damit eine darin sitzende wichtige Person durch eine Handgranate nicht gleich ausgeschaltet wird. Das ist kein Rüstungsauftrag. Es wird zwar aufgerüstet, fällt aber nicht unter die Militärfahrzeuge.
Der Bundeswehrfuhrpark besteht aus verschiedenen Fahrzeugen - grüne, silberne, rote, und es steht Bundeswehr drauf, aber das ist natürlich noch kein wehrtechnisches Gerät. Es sind die gepanzerten Fahrzeuge, Kette und Rad, die unter den Begriff fallen, vor allen Dingen wenn sie mit Waffen ausgestattet sind. Selbst der Transportpanzer 1, der Fuchs, hat zur Verteidigung irgendwo ein MG integriert. Es ist aber kein Kampffahrzeug. Fahrzeuge haben verschiedene Aufträge.
Verkäufe, Fusionen, Namen
Wo ist Henschel heute noch beteiligt?
Genaugenommen ist Henschel raus aus dem Spiel. Die Familie ist 1957 ausgeschieden, doch der Name Henschel AG wurde durch Görgen beibehalten. Über Rheinstahl kam Thyssen ins Unternehmen und hat den Namen weitergeführt bis 1998. Dann hat Thyssen Krupp alles in GmbH zerlegt, was vorher nicht schon verkauft war. Es gibt allerdings einige kleine Firmen im Werk Mittelfeld, die den Namen Henschel weiterführen, dazu gehört die Henschel Antriebstechnik GmbH und Henschel Systems. Der Lokomotivbau wurde 1994 mit ABB Henschel outgesourced, die mit DaimlerCrysler unter dem Namen Adtranz fusionierten. Adtranz wurde dann von Bombardier übernommen. Bombardier hat lediglich die Zählweise von Henschel seit der Nummer eins 'Drache' beibehalten und demnächst müsste die sechsunddreissigtausendste Lok gefertigt werden. Die Henschel Wehrtechnik wurde zu Rheinmetall Defense, einem Riesenkonzern, der seinen Hauptsitz in Düsseldorf hat und in Kassel Ketten- und Radfahrzeuge fertigt. Sie benutzen auch weiterhin die damals angelegte Teststrecke. Wegmann ist durch den Zusammenschluss mit Krauss-Maffei auch eine hundertprozentige Rüstungsstätte geworden und bauen keinerlei zivile Produkte mehr.
Was baut Krauss-Maffei Wegmann?
Ketten- und Radfahrzeuge. Es wird hier wie dort nach den gleichen Plänen der Panzertyp Puma gebaut.
Der Auftraggeber für Rüstungsfahrzeuge ist der Bund. Die Regierung bestimmt auch, welche Länder beliefert werden dürfen und teilt die Aufträge unter verschiedenen Firmen auf. Die Firma selbst darf nicht exportieren.
Es gab ja immmer wieder Konkurrenz bei der Auftragsvergabe. Gab es nicht 1991 einen Panzerdeal, wo Thyssen Henschel um den Auftrag gekämpft hat?
Im Moment ist es so, dass Rheinmetall die selben Fahrzeuge herstellt wie KMW [Krauss-Maffei Wegmann]. Die Stückgutzahlen sind untereinander aufgeteilt worden aus Kapazitätsgründen. Das ist aber keine Partnerschaft, sondern vom Staat als Auftraggeber so gewollt. Generell ist der Leopard ein Fahrzeug von KMW und der kleinere Schützenpanzer ein Fahrzeug von Thyssen Henschel. Heute wird der Nachfolger Puma von Rheinmetall und auch von KMW gebaut.
Rüstungsstandort Kassel heute
Ist es wahr, dass Kassel heute einer der größten Rüstungsstandtorte in Deutschland ist?
Ja, wenn man Rheinmetall und KMW zusammennimmt, ist es wieder einer der größten Standtorte, die wir haben. Andere Städte haben natürlich auch mit Rüstung zu tun, und wenn es nur Logistik oder Elektronik ist, aber von der Tonnage her ist Kassel… wieder bombenbereit.